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Jan Schirrmachers Web

Polen im Frühjahr 2019

Zu Ostern fuhr ich in Polen mit meinem Fahrrad einige Touren und möchte euch davon erzählen.

Allgemeines über Nordwestpolen (Hinterpommern)

Die Landschaft von der ich euch berichte, Hinterpommern, Pomerellen und Pomesanien ist genau wie in meiner Heimat Schleswig-Holstein eiszeitlich geformt, aber es ist etwas kontinentaler, im Sommer trockener und wärmer und im Winter kälter mit mehr Schnee.

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Der schönste Teil Nordwestpolens (OpenStreepMap)

Die Böden sind sandiger und es gibt mehr Wald. Die Landwirtschaft ist nicht so intensiv wie bei uns. Wahrscheinlich lohnt sich der Aufwand nicht, denn die Böden sind nicht so gut. Davon profitiert die Natur. Das Land ist dünner besiedelt als im Süden oder auch als bei uns in Schleswig-Holstein und es gibt auch in den Feldern viele Feuchtgebiete. Darin fühlen sich Storch und Kranich wohl.

Ich kenne den Norden Polens recht gut und habe seine Entwicklung seit 1989 verfolgt. Der Norden ist wirtschaftlich weniger gut entwickelt als die klassischen Industriereviere des Südens. Das war wohl im Prinzip immer so, denn letztlich hing der Reichtum früher von den Böden und später von den Rohstoffen ab. Die Böden des alten Preussens waren arm und die Rohstoffe der Montanindustrie des 19ten Jahrhundert gibt es hier nicht. Eine wichtige Rolle spielt heute der Wald als Nutzwald und im Nordosten für den Tourismus.

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Radwege um Drawsko zu (OpenStreepMap)

Zum Radfahren ist das Inland Nordwestpolens gut geeignet

Die meisten Nebenstrecken, sind asphaltiert, einsam und sehr gut mit dem Rad befahrbar. Das Inland des polnischen Nordens war auch schon zu DDR-Zeiten besser für Räder geeignet als die DDR. Das lag an besseren Straßen, geringerem Verkehr und einsamer Landschaft. Damals habe ich Polen viel mit dem Motorrad bereist, jetzt fahre ich nur noch Auto, Rad oder Boot.

Das Gesagte gilt für die Gegend, die ich meine - das innere Hinterpommern, zwischen der langweilen Küstenregion und dem ebenfalls öden polnischen Landesinneren etwa.

Geschichte

Wenn ich so durch die Gegend radle und beobachte, denke ich über Vergangenheit und Gegenwart nach. Die letzten 30 Jahre davon habe ich selbst bewusst miterlebt, die 50 Jahre davor kenne ich aus Erzählungen der Familie und dem was ich so gelesen habe. Ich bin selbst ein Produkt dieser Geschichte.

Bevor hier ab 1945 Polen aus den östlichen Gebieten des früheren Polens angesiedelt wurden, weil Russland diese Gebiete beanspruchte, war die Gegend eher deutsch und ein Teil Preussens. Einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung nahm das Land unter den preussischen Königen seit dem "Großen Kurfürsten" Friedrich-Wilhelm in wechselndem Maße. Der Große Kurfürst legte dafür den Grundstein, indem er das Land politisch festigte. Seine Nachfolger waren nicht alles Perlen, aber einige - wie Friedrich der Große - brachten die Wirtschaft voran, indem sie ausländische Fachleute ins Land holten, die Bildung förderten, eine gewisse religiöse Toleranz zur Grundlage machten und das Militär stärkten. Das war keine kontinuierliche Entwicklung und es gab unter den preussischen Herrschern auch Deppen, aber insgesamt war die Politik vom Großen Kurfürsten bis zu Wilhelm I. und Bismarck ein Weg nach oben, der Preussen zur Großmacht und zum mächtigsten Land in Deutschland machte.

Muss zugeben, dass ich den polnischen Teil der Geschichte nur am Rande kenne. Werde mich mal darum kümmern und dann wahrscheinlich noch mehr verstehen, wie z.B. die Rolle des Deutschen Ordens, dessen Spuren sich heute noch an der Weichsel ganz toll beobachten lassen. Die Polen sind geschichtsbewusst, so wie ich auch, kennen aber ihre Aspekte natürlich besser als die deutschen.

Der Ausgangspunkt - Drawsko-Pomorskie

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Drawsko Pommorskie (Dramburg)

Das Städtchen Drawsko-Pomorskie liegt in Herzen Hinterpommerns, etwa 100km hinter der Grenze zu Deutschland und 70km von der Ostsee entfernt. Das Städtchen hat eine Bedeutung als eine Art Kreisstadt mit einiger Verwaltung und hat mit 12000 Einwohnern gerade eine Größe, wo es nicht stirbt, sondern eher etwas wächst. Sie ist allerdings zu weit weg vom nordwestlichen Wirtschaftszentrum Polens, dem Stettiner Raum.

Die Kirche Drawskos hat deutsche Schrift in den alten Fenstern und es gibt viele alte deutsche Bürgerhäuser, die vom Aufschwung des Kaiserreiches zeugen. Manche dieser Häuser sind heute schön restauriert und man bekommt eine Ahnung vom Aussehen einer typischen preussischen Kleinstadt mit gewissem Wohlstand. Die Stadt ist noch herrlich polnisch rummelig, mit bunten Geschäften, Leben auf den Straßen und einigen hübschen Ecken, z.B. einem Park, der von einer günstigen öffentlichen Hand profitiert. Allerdings nimmt das "Rummelige" ab und es breiten sich Supermarkt- und Warenhausketten aus und verdrängen die vielen kleinen Geschäfte. Seit diesem Jahr gibt es sogar eine moderne Shopping-Mall hier und neuerdings gibts im Innenstadtbereich sogar Parkautomaten.

Die Umgebung Drawskos ist von Seen aller Größen, im Norden von Feldern und im Süden von Wäldern geprägt.

Durch Drawsko fließt die Drawa, ein in Polen berühmter Fluss für Kanu-Fahrer, auf dem irgendwie jeder schon einmal in seiner Jugend unterwegs war, einschließlich des früheren polnischen Pabstes. Ein Ziel meines diesjährigen Urlaub ist das Befahren der Weichsel mit meinem See-Kajak. Da träume ich schon lange von. Leider klappte es auch diesmal nicht, weil ich kränkelte und es unter diesen Umständen zu kalt war. Dafür befuhr ich aber, quasi als Ersatz, ein Stück auf der Drawa. Davon berichte ich euch weiter unten.

Radtouren

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Guter Führer mit Karten und deutschen Texten. ISBN 978-83-65623-34-8

Diesen Urlaub will ich die Umgebung mit dem Fahrrad erkunden. Es gibt hier einige ganz tolle Routen, die

zu finden sind. Eine Tour habe ich an der Weichsel gemacht, die etwas aus dem Rahmen fällt.

Fahrrad

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Cube "Urban Edition"

Mein Fahrrad ist klasse für diese Art von Touren geeignet. Es ist schnell und hat nichts überflüssiges, aber dicke glatte Reifen - ideal für Waldboden und schlechte Wege. Ich fahre sie mit 2 Bar. Sie sind für niedrigen Reifendruck ausgelegt. Mit MTB-Plattformpedalen und Spikes habe ich im Stehen sicheren Halt, der Ledersattel ist hart und anatomisch perfekt, Schaumstoffgriffe umschmeicheln die Hände.

Symbol Tour MOREN - Drawsko, Zagozd, Nętno, Łabędzie, Przytoń, Dołgie, Zarańsko

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Straße von Drawsko nach Zagozd. Die Windkraftanlagen sind weithin sichtbare Orientierung.
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Start in Drawsko (OpenStreetMap)

Die Tour geht durch Felder, Dörfer und Wälder, auf sandigen Wegen und Nebenstraßen an Seen und Feuchtgebieten vorbei. Ich fahre die Tour einmal in obiger Reihenfolge bei kühlem Wetter und einmal andersrum bei Wärme. Im Führer ist sie mit 10h und 58km beschrieben. Ich fahre ca. 52km davon in 4,5h. Es ist Mitte April, trocken und meistens sonnig. An manchen Tagen ist es eisig (mit Schneegrieseln) an anderen Tagen ist es schon richtig warm.

Die Steigungen sind für mich perfekt. Sie überwinden Hügel, die mich nicht überfordern. Es bringt Spaß im Wiegetritt raufzupeitschen und auf den Gefällestrecken wieder herunterzubrausen.

Die angrenzenden Felder haben viele Senken in denen Wasser steht. Das ist ein Paradies für Störche. Vor Jahren sah ich hier einen auffliegenden Schwarzstorch.

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Vereinzelt schlechte Wegstrecke

Von Drawsko fahre ich auf der Hauptstraße, einer schnellen Allee mit gutem Asphalt bis zum Abzweig Zagozd am See Małe Dołgie. Hier gibts eine schöne Badestelle, aber nicht heute. Durch das verstreute Dorf mit mehreren Reithöfen komme ich zu einer Waldstrecke, die selbst jetzt bei Trockenheit anspruchsvoll ist, sodass ich stellenweise schieben muss. Bei Nässe wird sie kaum passierbar sein. Aber der kritische Teil ist kurz. Der lichte Buchenwald ist einsam und schön. Oft höre ich Kraniche trompeten.

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Typisch - Felder mit vielen Feuchtgebieten

Es ist die grellste Zeit des Jahres, weil die Sonne hoch steht und die Bäume noch keine Blätter tragen. Wegen der Trockenheit traut sich die Vegetation noch nicht auszutreiben, denn dann wäre Wasser nötig, so scheint es mir.

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Nacheiszeitliche Moränenlandschaft

Auf der Route ist die typische Moränen-Landschaft unserer Breiten sichtbar. Moränen sind die sandigen Hinterlassenschaften der Eiszeit. Auf dem hoch gelegenen Weg bei Nętno schweift der Blick über die sanften Hügel und eingebetteten Seen. Vor 10000 Jahren wandelte sich die nacheiszeitliche Tundra zu offenen Waldgebieten. Von der Großfauna ist hier der Wisent geblieben. Nachdem der Mensch als Feind des Großwildes auftrat, verdichteten sich die Wälder, bis sie im Mittelalter wieder schwanden. Die Wisente der Gegend sind Nachkommen der letzten östlichen Populationen, die hier wieder angesiedelt wurden.

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Nördlicher Bogen der Route (OpenStreetMap)
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Felder, Wälder, Seen im Wechsel. Links haben Wildschweine den Wegesrand umgegraben.

Die Dörfer rund um den nördlichsten Punkt - Nętno, Łabędzie, Przytoń sind typische kleine polnische Dörfer zwischen neuer Zeit und Verfall. Jetzt im Frühling bei strahlendem Sonnenschein ist alles schön und idyllisch.

Tatsächlich gibt es hier eine Mischung aus Verfall, Modernisierung und mühsam betriebener Kleinbauernwirtschaft. Viele junge Leute ziehen weg. Die ältere Generation der typischen polnischen freien Kleinbauern, die in Zeiten des Kommunismus das Land ernährt haben, ist mittlerweile auf dem Altenteil oder schlägt sich irgendwie durch.

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Typisches Dörfchen mit Kirche...

Zwar versuchen auch junge Bauern teilweise die Betriebe weiterzuführen, aber nicht alle sind damit erfolgreich. Die EU versucht zu helfen durch Flächen-Zahlungen und die konservative PIS-Partei versucht die konservative Bauernschaft auf ihre Seite zu ziehen, aber letzlich wird das Kleinbauerntum in Polen den selben Weg gehen wie bei uns - in die Pleite. Großbetriebe werden sich bilden und die Flächen ausplündern.

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... und Storch

Die paar Bauern, die ich aus der Familie kenne, sind von der PIS-Partei entäuscht und schimpfen. Der alte Trick, die Kirche für die politischen Zwecke einzuspannen klappt hauptsächlich bei alten Leuten. Es gibt hier den Radiosender "Radio Maryja", der von erzkatholischen Nationalkonservativen betrieben wird und ihr Weltbild unter dem Mäntelchen des Glaubens verbreitet. Alte Leute hören ihn und freuen sich, dass es neben der Bibel noch eine Quelle der Wahrheit gibt. Zu diesen "Wahrheiten" gehört z.B. anitsemitische Rassenhetze.

Den Sender selbst habe ich nicht aufmerksam gehört, weil mein Polnisch dazu zu mager ist, aber ich kenne die Haltung von Leuten, die diesen Sender viel gehört haben. Zum Glück wächst in Polen eine moderne, europäisch gesinnte Generation heran, die diesen Mist nicht mehr glaubt. Meine Kinder und ihre Cousins und Cousinen gehören auch zu dieser Generation. Sie sprechen miteinander drei Sprachen und haben kein Verständnis für nationale Abgrenzung.

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Allee bei Łabędzie

Aber ich schweife ab. Noch sind die Dörfer der Gegend nicht tot. Man sieht Leben in den Dörfern. Die meisten Kirchen werden besucht. Es gibt auch einige hübsche Neubauten in den Dörfern und in bester Lage am See mit riesigen hektargroßen Grundstücken drumherum. Reiche Einheimische, die vermutlich anderswo, vielleicht in Deutschland, ihr Geld gemacht haben, investieren hier. In Deutschland wäre das aufgrund der Baubestimmungen nicht möglich, aber hier kann man offensichtlich ein schönes riesiges Seegrundstück kaufen und drauf bauen. Schade wäre es, wenn diese Kultur zu Spekulantentum, Leerstand und Gesellschaftsspaltung führte.

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Gewundene Nebenstrecke mit Kopfsteinpflaster

Doch noch hält es sich in friedlichen Grenzen. Wenn hier Einheimische bauen - warum nicht, die Landschaft ist ja kein Museum. Es gibt viele Versuche den wachsenden Tourismus wirtschaftlich zu nutzen. Ausser Reitställen entdecke ich einige Hinweise auf "Agrotourismus". Ich erkundige mich später und erfahre, dass es sich nicht um Ferien für verzogene Aggro-Kinder handelt, sondern schlicht um einen Begriff für Urlaub auf dem Lande.

Hinter Łabędzie biege ich von der kaum befahrenen Hauptstraße auf einen Feldweg ab, halte an und hole die Karte aus dem Rucksack, um mich zu orientieren.

Landschaft
Der See Przytonko mit Badestelle. Ich nutze sie bei unter 10°C Wassertemperatur

Da geschieht es - ein kleine Staubwolke zieht an mir vorbei - schrumm! Ich blicke auf und sehe eine Radfahrerin sich entfernen. Sonst sehe auf der Tour ausser gelegentlichen alten Leuten mit Einkaufstaschen am Lenker ihrer klapprigen 26er-Fahrrädern eigentlich niemanden, darum spurte ich hinterher. Es ist meine Richtung und ich bin neugierig.

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Zwischen Przytoń und Dołgie, Buchenwälder, Hügel und Seen

Nach 200m verschwindet sie hinter einer Kurve am Waldrand, ich gebe Gas, denn sie fährt schnell. Hinter der Kurve sehe ich, dass sie sich im weichen Sand des Feldweges lang gemacht hat. Ich halte und frage, ob ihr etwas geschehen sei.

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Schönste Strecke an den Seen bei Przytoń

Sie verneint und steigt wieder aufs Rad, nachdem sie ihre Sachen gerichtet hat. Der Sand ist hier weich und ihr MTB ist weggerutscht als sie abgelenkt war. Wir brettern gemeinsam weiter und unterhalten uns.

Die junge Frau ist unterwegs nach Złocieniec zum Arzt. Sie fährt offensichtlich viel, denn sie hält ein tolles Tempo. Die Straße wird zur Kopfsteinpflasterstrecke. Ihr MTB schluckt das weg aber meine Reifen nicht. Zum Glück führt auf dem Feld eine paralleler Feldweg, wie ihr auf dem Foto sehen könnt. Den nutze ich und kann mithalten.

Dieser Teil der Tour bringt fahrerisch am meisten Spaß. Wir fahren mit einem Höllentempo bergauf und bergab durch den schönsten Teil der Strecke. Zur Rechten schimmert der See Wielki Dąbie durch den Buchenwald.

Waldsee Wielki Dąbie bei Przyton. Guck mal, ohne Tsääne

Meine Begleiterin hat heute Pech. Erst der Sturz, jetzt wird Sie von einer Biene gestochen. Davon fährt sie noch schneller. Zähes Weib. Gefällt mir.

Hinter Dołgie trennen wir uns und ich fahre auf der Hauptstraße zurück nach Drawsko. 10 Tage später fahre ich die Strecke auf der in der Karte ausgezeichneten Route weiter. Die meisten Fotos habe ich auf der zweiten Fahrt und in Ruhe gemacht.

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Biberwerk am Flüsschen Kokna

Der Weg führt nun durch einen großen Wald durch den das kleine Flüsschen Kokna (Küchenfließ) fließt. Es mündet in die Drawa, von der ich euch noch berichten werde. Es ist jetzt richtig warm und ich schlage mich am Flussufer ein Stück zu Fuss durch den Wald. Noch sind die Brennnesseln klein. Hier ist der Biber aktiv und hat so manchen Baum gefällt. Im Bereich der Drawa gibt es viele Biber und sie sind fleißig. Hauptsächlich Weiden und Schwarzerlen fallen ihnen zum Opfer. In ganz Schleswig-Holstein gibt es nur einen einzigen einsamen Biber.

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Der Wald durch den die Kokna fließt

Es ist der größte Wald der Moren-Tour. Er ist trocken, sandig und geprägt von wirtschaftlich genutzten Mischwäldern. Die Wege sind sehr schön und immer wieder wechseln sich Felder, Wälder und Gewässer ab. Von den Sandwegen fliegen jetzt viele Käfer und Schmetterlinge auf, die durch die erste Frühlingswärme aktiv wurden.

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Die Felder vor dem Wald, ein langer gerader Weg - herrlich!"

Hinter dem Wald führt ein Feldweg an der Hauptstraße von Drawsko nach Złocieniec vorbei. Für ihn spricht, dass die Hauptstraße recht stark befahren ist. Also alle Minute ein Auto. Das ist für die Gegend viel. Da ist der Feldweg gemütlicher, auch wenn er einen Umweg bedeutet.

Es gibt in der Gegend von Drawsko ein paar Hauptstraßen, die auch von LKW viel befahren sind. Ich finde, die Autofahrer fahren hier zwar etwas waghalsiger als bei uns, aber sie nehmen grundsätzlich Rücksicht auf Radfahrer, was sicher mit dem europäischen Kulturwandel im Zusammenhang steht. Auch hier gilt das Fahrrad nicht mehr nur als Verkehrsmittel der Armen, sondern auch als Sport- und Freizeitgerät.

Symbol Tour LUBIE - Seen, Wisente und Panzer

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Übersicht der Strecke LUBIE um den See

Der Jezioro Lubie (deutsch Großer Lübbesee, Jezioro für See) ist 14km lang und im Mittel 1km breit. Es ist also ein großer See. Am Nordostufer gibt es ein paar Dörfer und Ferieneinrichtungen, am Südufer grenzt er an den Wald des größten Militärübungsplatzes Europas. Am Nordwestende mündet die Drawa in den Lubie, etwa 10km weiter fließt sie wieder heraus und verschwindet in den verbotenen Wäldern der NATO.

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Jezioro Lubie

An den Bäumen des Wegesrandes ist die Route durch rote Markierungen und Pfeile recht gut gekennzeichnet.

Am Jezioro Okra. Es gibt hier eine schöne Badestelle.

Ich fahre den Rundkurs mehrere Male und in beide Richtungen, er dauert mit ein paar Pausen etwa 5 Stunden. Dabei beginne und beende ich die Tour abweichend vom bezeichneten Kurs im Park von Drawsko, weil dieser Anfang sehr schön ist. Die Stadt hat vor ein paar Jahren eine schöne Umgehung für Fahrräder gebaut, die ich gerne fahre. Sie führt durch den Park Chopina über die Drawa durch ein Wäldchen zum See Okra, dem Stadtsee Drawskos. Schaut euch das kleine Video an.

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Die Situation am Jezioro Okra

Ich richte meinen Rundkurs gerne nach dem Wind. Bei Gegenwind nehme ich lieber eine waldige Strecke. Daher fahre ich heute gegen den Uhrzeigersinn, denn es herrscht Ostwind.

Auf der Karte seht ihr die Situation. Fährt man von Drawsko durch den Park Chopina los, um den See gegen den Uhrzeigersinn zu umrunden, also zuerst die Waldseite, dann die Dörferseite, muss man den asphaltierten Radweg vor dem Jezioro Okra rechtzeitig verlassen und den roten Zeichen folgen. Oder man macht einen kleinen Abstecher zum Okra und springt in den See. Bei 5°C Wassertemperatur ist das sehr erfrischend und man möchte das Bad nach oder vor der Tour nicht mehr missen!

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Die Drawa. Ich bekomme Lust drauf zu paddeln.

Nun geht es über ein paar steile Hügel hinauf und hinab zu einem wilden Tal, durch das sich die Drawa schlängelt. Eine kleine Brücke führt drüber. Als ich so auf der Brücke stehe und der Drawa beim strömen zusehe, bekomme ich Lust darauf eine Kajaktour zu machen. Doch davon später mehr.

Der Abschnitt zwischen Drawsko und dem kleinen Ort Mielenki Drawskie ist abwechslungreich und bringt Spaß. Ab und zu sehe ich die Drawa vorbeimäandern, die Gegend gehört noch zum "Großraum Drawsko".

Jetzt komme ich zu einer Stelle mit einer Autobrücke über die Drawa. Von Norden kommend kann ich rechts dem roten Pfad LUBIE folgen, wenn ich gegen den Uhrzeigersinn um den See Lubie möchte, oder nach links wenn ich im Uhrzeigersinne, also erstmal über die Dörfer möchte. Heute entscheide ich mich für den rechten Weg nach Mielenko Drawsko.

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Zum Glück werden nur die Fussgänger erschossen

Man kann jetzt über die Kreuzung durchs Dorf fahren, oder gleich links der Hauptstraße folgen. Nach 2km kommt man zum Forsthaus Dzikowo. Hier beginnt der große NATO-Truppenübungsplatz. Die bewaldete Gegend ist großartig und ich schweife einfach mal ein wenig ab und berichte euch von dieser Gegend, auch wenn die Tour nur am Rande vorbeiführt.

Es gibt hier viele einsame Waldseen, die man offiziell gar nicht erreichen kann. Offiziell ist hier alles Sperrgebiet und es sind entsprechende Tafeln aufgebaut. Praktisch kann man aber sehr wohl das Gebiet befahren, insbesondere, wenn man die Manöver-Zeiten kennt. Es führen auch einige Touristenwege hindurch. Vor Jahren fuhren wir mit dem Auto hindurch und besichtigten das Gebiet, in dem zerschossene Panzer stehen und Lenkwaffenteile herumliegen.

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Weg hoch über dem See

Ich kenne Leute, die hier arbeiten und kann euch daher ein Foto von freilebenden Wisenten zeigen. Die Gegend ist irgendwie verwunschen. Lichte Regionen wechseln mit Wäldern Sümpfen und Heideflächen. Früher konnte man mit einer Sondergenehmigung des Standortkommandanten auf der Drawa innerhalb eines Tages durch das Areal paddeln. Ich weiß nicht, ob das heute noch möglich ist. Nach der Ukraine-Krise lebt der Standort militärisch wieder auf. Wenn Manöver statt finden, werden die Zugänge streng kontrolliert.

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Weiter Blick durch die Bäume

Nach dem Forsthaus kommt man an den großen See. Auf einem Weg hoch über dem See funkelt er durch die Bäume. Auf einer Insel siedeln Seidenreiher. Man sieht sie auf diesem Foto durch die Bäume schimmern.

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Naturnaher Zeltplatz am offenen See

Die nächsten vielleicht 15km führen durch den Wald am Südwestufer des langezogenen Sees. Es geht bergab und bergauf, manchmal auch auf staubigen Pisten geradeaus. Zuweilen erblicke ich den See durch die Bäume schimmern. Es gibt auch einen Platz am See zum zelten, der gepflegt wird, aber naturnah ist. Er ist hauptsächlich für Kanuten. Er kostet Gebühren, die niedrig sind, so wie auf vielen derartigen Plätzen, die man in der Gegend und besonders an der Drawa oder am See findet.

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Ich könnte endlos so fahren...

Es ist eine endlose Fahrerei und ich begegne niemandem. Ich liebe das und könnte ewig so weiterfahren. Spechte klopfen, teils auf Nahrungssuche, teils einfach nur des Krawalls willen, um den Partner zu beeindrucken. Einmal stehen zwei Kraniche auf dem Weg. Ungewöhnlich im dichten Wald, da sie einige Startstrecke brauchen. Sonst sind viele Eichelhäher und die üblichen Verdächtigen unterwegs - Buchfinken, Kleiber, Baumläufer.

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... auf diesen Waldwegen

Am See kann man zu dieser Jahreszeit einen merkwürdigen Ton hören, den man zunächst nicht zuordnen kann. Ein tiefes und kurzes "Hu", vielleicht 4x im regelmäßigen Abstand von ein paar Sekunden. Mir fällt die Rohrdommel ein - eine Reiherart, selten zu sehen. Ich versuche später den Ruf nachzuahmen. Es gelingt mir indem ich kurz in eine Flasche blase. Hört selbst. Es ist am See nur der tiefe Ton zu hören. Er trägt Kilometer weit.

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Es ist grell, warm und trocken

Diese Jahreszeit, Mitte April ist perfekt für solche Touren. Die Laubbäume tragen noch nicht, die Sonne steht hoch und es herrscht ein grelles stimmungsförderndes Licht. Die Luft ist warm und trocken, weil die Nächte jetzt kalt sind. Seit Tagen trägt eine nördliche Luftströmung kalte Luft von der Ostsee herein. Aber die Sonne ist stark genug um sie über die 100km Landstrecke bis hier aufzuwärmen und im Wald spüre ich den Wind kaum.

Landschaft
Für Wölfe verboten!

Irgendwann kurvt der Weg auf massiven Kommunisten-Betonplatten hinunter zu einer ebenso massiven Kaltekriegs-Brücke über die Drawa, die hier südlich den See verlässt und sich durch den Wald mäandert. Einige Kilometer weiter endet der Wald. Hier stehen einige Schilder auf denen ich das Wolfsverbotsschild besonders nett fand. Vielleicht bedeutet es auch, dass es den Wölfen nicht erlaubt ist, den Wald zu verlassen.

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Ein Holztransporter wälzt sich durch den Staub

Die Strecke nach dem Wald bis zur nächsten Ortschaft Sienica führt über eine straubige und weiche Sandpiste, auf der ich einige Meter schieben muss. Ein Lkw beladen mit Stämmen kommt aus dem Wald. Die Luft flimmert. Er zieht eine riesige Staubfahne hinter sich her und ich rette mich ins Luv.

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Schnurgerade Straße bei Sienica

Vom Dorf Sienica führt eine kilometerlange schnurgerade Hauptstraße mit leichter Steigung durch Feld und Wald zum zweiten Teil der Route. Dieser hat einen anderen Charakter, denn er führt auf Feldwegen und Dorfstraßen an der langen Nordostküste des großen Sees wieder nach Drawsko.

Von der glatt asphaltierten Hauptstraße führt ein Kommunistenbetonplattenweg durch den Wald zu einem sandigen Wald- und später Feldweg. Dieser alte Weg führt durch Waldabschnitte und an Feldern vorbei, die alle frisch gepflügt aber wegen der Trockenheit noch unbewachsen sind.

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Feldweg zwischen Wäldern und Feldern nach Lubiszewo
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Das gewundene Asphaltband lädt zum Rasen ein

Jetzt führt eine schöne bergauf und bergab gewundene Straße durch die Dörfer Lubieszewo, Linowo und Gudowo. Es gibt bescheidenen Tourismus und schöne Seegrundstücke. Die Dörfer sehen nicht so verfallen aus, wie in den manch abgelegeneren Gegenden Hinterpommerns. Aber vielleicht kommt es mir nur so vor, weil zur Zeit des beginnenden Frühlings eigentlich alles schön aussieht.

Die herrliche Asphaltstrecke nördlich des Lubie

Auf dieser Tour habe ich Kopfhörer mit und höre Röyksopp und Crumb. Irgendwie peitscht monotone E-Musik schön voran und pumpt die Beine auf. Der Antischall-Kopfhörer dämpft die Windgeräusche. Das hat sich gut bewährt.

Damit ist dieser kleine Bericht schon zu Ende. Hoffentlich kommt niemand auf die Idee die Wege ebenfalls zu befahren. Ich freue mich nämlich schon darauf das nächster Mal durch diese Einsamkeiten zu brettern. Darum hoffe ich, dass euch die Berichte von endlosen Wäldern, wilden Tieren, monotonem Gegenwind und schrecklicher Trockenheit abgeschreckt haben.

Tour WISLA - Ritterburgen im Urstromtal

Vor drei Jahren habe ich in Kwidzyn (Marienwerder) einen neuen Freund kennengelernt. Piotr, den Tabakbauer, wollte ich seit dem unbedingt wieder besuchen. Dieses Frühjahr war es soweit. Ich fuhr den langen Weg von Drawsko durch die Bory Tucholskie (Tucheler Heide). Im Gepäck Fahrrad und Kajak, denn ich habe vor die Weichsel zu befahren. Auf dem Weg dorthin kehrt die Winterkälte zurück und es gibt Schneegrieseln. Das ist jetzt Mitte April nichts Ungewöhnliches.

In der Tucholska stoße ich auf ein merkwürdiges Bild. Kilometerweit bis zum Horizont sehe ich eine verwüstete Kraterlandschaft. Baumwurzelstümpfe ragen hervor und vereinzelt stehen dürre Kiefern herum. Wurde der ganze Landstrich gerodet? Aber wieso? Mittendrin gibt ein Stück von einem Hektar Wald mit umgeknickten Bäumen einen Hinweis. Später erfahre ich, dass es sich um die Folgen eines Wirbelsturmes handelt, der 2017 hier wütete. So etwas habe ich noch nicht gesehen. Gruselig. Schaut auf YouTube.

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Die Schneise eines Tornados vor 7 Jahren

Ich nehme vor auf dem Rückweg wieder hier entlang zu fahren und ein paar Fotos zu machen. Doch die Annahme das Navi würde mich auf der selben Strecke zurückführen täuscht mich. Das Navi leitet mich eine andere Strecke durch die Tucholska zurück. Doch hier sehe ich etwas anderes. Eine breite Schneise zieht sich durch die Waldlandschaft. Eine Gedenktafel erinnert an die Ursache. 2012 zur hier ein Tornado eine ca. 600m breite Schneise der Verwüstung durch die Landschaft.

Nach dem Jahr der Trockenheit 2018 ist es dieses Jahr wieder sehr trocken. Wenn es nicht bald ausgiebig regnet wird es für viele Landwirte sehr schwer. Wirbelstürme, Trockenheit. Das sind Naturkatastrophen, die immer mal auftreten können. Aber es scheint sich doch zu häufen und die Ursache ist bekannt - der Klimawandel. Ich vermute die Polen bekommen gerade einen Vorgeschmack auf ihr künftiges Klima. Weiterhin vermute ich, dass die PIS- Partei die schuld daran mit Gottes Hilfe der EU geben wird.

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Blick von der Geest auf das Urstromtal

Doch nun weiter zu meiner Tour. Leider bekomme ich einen Infekt und muss das eigentliche Ziel aufgeben, die Tour auf der Weichsel. Stattdessen fahre ich viel mit dem Fahrrad in der weichselseitigen Gegend um Kwidzyn.

Bereits 2016 bereiste ich die Gegend mit meinen Kindern. Lest den Bericht hier.

Flusslandschaften sind etwas Besonderes. Am Südrand der Gletscher der letzten Eiszeit bildeten die abfließenden Schmelzwasser große Urstromtäler wie das der Oder, der Weichsel oder der Elbe. Darum haben diese Flüsse einen ähnlichen Charakter, abgesehen von der Unterelbe, die ein Gezeitengewässer ist.

Einige Städte liegen auf der Geest erhöht über dem Tal der unteren Weichsel. Sie haben oder hatten oft eine Backsteinburg, die weithin sichtbar ist oder war. So ist eine Kette von Burgen der Deutschen Ordens entstanden, von der ein Teil von Kwidzyn aus zu sehen ist. Das ist ein eindrucksvoller Anblick. In meinem Bericht von 2016 zeige ich euch Fotos.

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Von Grabowo bis Korzeniewo

Südlich von Kwidzyn beginne ich meine Tour bei Grabowo. Ich wähle die Richtung von Süden nach Norden und zurück, denn es ist zu erwarten, dass der Wind von Norden im Laufe des Tages zulegt.

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Typische Landschaft des Deichvorlandes

Ich versuche mich möglichst viel im Deichvorland zu bewegen. Es besteht aus Wiesen, Senken, Schilfzonen, vereinzelten Äckern und Gebüschen. Direkt am Wasser kommt die Weide mit wechselnden Wasserständen und Eisgang klar. Darin leben Hasen, Rehe, Füchse, Biber und Vögel. Besonders viele Trupps von bis zu 100 Wachholderdrosseln fliegen herum. Vereinzelt tummeln sich Kraniche an Tümpeln. Jeder Tümpel beherbergt ein Stockentenpaar.

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Sandbank in der flachen Weichsel

Vereinzelt sichte ich Gänsesäger. Ich muss sagen, dass ich etwas entäuscht über die Vogelvielfalt bin. An unserer Elbe oder sogar am Nord-Ostsee-Kanal, wo ich lebe gibt es viel mehr Wasservögel. Wo ich an der Weichsel vereinzelt Kormorane sehe, sehe ich bei uns zu Haus dutzende. Vielleicht liegt es daran, dass die fruchtbare Weichselniederung für die Menschen als Kulturland wichtiger ist.

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So sehen die meisten Wege aus

Die Route ist gut befahrbar. Meistens führen Doppelspuren von Traktoren und Anglern am Wasser entlang. Meistens bewege ich mich auf platten Gras. Blicke ich nach Osten sehe ich die Geest mit der dominierenden Papierfabrik bei Kwidzyn. Ein amerikanischer Konzern betreibt sie und gibt vielen Menschen der Region Arbeit bei guter Bezahlung.

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Alte Brückenpfeiler

Bei Grabówko führte früher eine Brücke über die Weichsel, die vielleicht beim deutschen Rückzug gesprengt wurde. Die Route bis Korzeniow ist leicht zu finden und gut zu befahren. In Korzeniow kommt ein kleiner Hafen, der vermutlich zur Papierfabrik gehört. Ihn umfahre ich. Dabei fallen mir hübsche Holzhäuser auf, die wohl aus der deutschen Zeit stammen.

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Neue Brücke über die Weichsel

Ich fahre unter der neuen Brücke durch, die Kwidzyn mit Gniew verbindet. Ab jetzt wird die Streckenführung immer abenteuerlicher und ich fahre manchmal kleine Umwege. Das ist aber immer noch interessanter und angenehmer als der Weg auf dem windigen Deich. Erstmal mache ich eine Pause und esse leckere Kanapki (belegte Brote) mit Salat und Käse.

Der Weg wird etwas anstrengender und ich beginne davon zu träumen in Gniew, dessen Burg ich voraus erblicke, einzukehren und vielleicht Eis oder Frittki zu essen.

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Von Korzeniewo bis Gniew (fast)
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Das Nagetier hat wieder zugeschlagen

Der Biber ist hier sehr fleißig. Ich finde oft durchgenagte Bäume und abgeknabberte Zweige. Biber gibt es auch an den kleinen Zuflüssen, wo sie auch große Bäume fällen. Ich frage mich, warum die Biber auch an der Weichsel Bäume fällen. Sie können sie doch nicht stauen.

Daheim erklärt mir ein Biologe die Sache. Es gibt da zwei Verhaltensweisen, je nach Größe der Gewässer. Alle Biber müssen nagen, weil ihre Zähne wachsen und weil sie die Rinde fressen. Fälle einen Baum und du hast genügend Rinde. Nebenbei bemerkt er, dass er am liebsten ein paar Biber in Polen klauen und sie bei uns aussetzen würde, damit der einzige Biber Schleswig-Holsteins nicht mehr so allein ist. Ich vermute, die polnischen Landwirte hätten da nichts gegen. Unsere um so mehr. Zur Wolfsgefahr käme auch noch die Bibergefahr. Nicht Artensterben und Klimawandel bedrohen uns, sondern Wölfe und Biber!

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Mist, Gniew liegt auf der anderen Seite.

Das letzte Stück bis Gniew wird schwieriger. Es ist nicht klar zu sehen wie die Strecke verläuft, ob es überhaupt eine gibt. Schließlich endet sie im Gestrüpp. Ich fahre über den Deich und das letzte Stück auf der Landstraße, Gniew schon dicht vor Augen. Ich sehe einen großen mageren Fuchs an der Weichsel.

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Tabakflanzen

Doch Gniew bleibt mir versagt. Es liegt auf der anderen Seite der Weichsel. Diese biegt kurz zuvor nach Osten ab, so entstand die Illusion. So genau hatte ich die Karte nicht studiert. Schade.

Dafür fahre ich jetzt mit Rückenwind den ganzen Weg wieder zurück. Er kommt mir nun kürzer vor. Wieder daheim bei Piotr, helfe ich ihm etwas bei der Arbeit. Wir topfen zu dritt Tabakpflanzen um. Er hat dieses Jahr den Anbau stark eingeschränkt und baut dafür lieber anderes an. Es lohne sich derzeit nicht.

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Umtopfen der Setzlinge

Für meine Palette, oder wie das Ding heißt, brauche ich 1,5 Stunden. Piotrs Tochter schafft als Schnellste 8 Paletten in einer Stunde. Aber sie studiert jetzt und ist nur am Wochenende da. Ok, Tabakpflanzer ist also auch nix für mich. Darauf stecke ich mir erstmal eine Zigarette an. Ach nee, ich rauche ja gar nicht.

Tour DRAWA - mit dem Kajak auf einem berühmten Flüsschen

Als Ersatz für die ausgefallen Kajaktour auf der Weichsel, wollte ich wenigstens ein Stück auf der Drawa fahren, einem bekannten Flüsschen in Polen, 186km lang. Sie ist schmal und fließt recht schnell, aber ohne große Gefällestrecken oder Stromschnellen.

Die Drawa sieht verlockend für eine Kajaktour aus

Der Reiz der Drawa liegt in ihrem natürlichen Verlauf in einer schönen, nicht zu sehr kultivierten Landschaft. Die Drawa fließt durch Drawsko Pomorskie. Davor fließt sie durch Seen an Feldern vorbei. Dahinter fließt sie durch Täler mit Bruchwäldern. Vereinzelt gibt es Gebäude und sogar ein kleines Wasserkraftwerk.

Mit meinem jüngeren Sohn setze ich unsere Kajaks an einer Einsetzstelle mitten in Drawsko ein. Es sind robuste Seekajaks mit denen ich manchmal das Meer befahre. Sie haben dickes Plastik und man braucht sich nicht zu fürchten damit über Steine und Felsen zu schrammen. Dafür sind sie etwas schwerer.

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Die Drawa zwischen Drawsko und Jez. Lubie (OpenStreepMap)

Ich plane von Drawsko bis zum großen See Lubie zu paddeln. Wir vereinbaren in Gudowo zu telefonieren, um mit unserem Bus abgeholt zu werden. Plan B lautet, sich bereits an der Brücke der Straße zwischen Mielenko Drawskie und Gudowo abholen zu lassen, falls wir es nicht zum See schaffen.

Die Fahrt schätze ich auf 2 bis 3 Stunden Dauer. Da ich am Morgen noch um den Lubie gefahren bin (siehe Tour LUBIE) kommen wir erst gegen 16:00 los. Die Sonne geht gegen 20:20 unter, so haben wir Reserve. Denke ich jedenfalls in meinen jugendlichem Leichtsinn.

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Einsetzstelle im Stadtzentrum von Drawsko

Nachdem wir den Drawsko und den Park Chopina verlassen haben, zeigt sich schnell, welche Art Herausforderung das Flüsschen zu dieser Jahreszeit zu bieten hat. Es liegen vom Biber gefällte Bäume quer über der Drawa. Keine harmlosen Bäumchen, nein, richtig mächtige Stämme hat das fiese Nagetier uns vor den Bug platziert. Die Hindernisse stauen allerhand Treibgut und jedes stellt uns vor neue Anforderungen. Manchmal kann man wie ein Limbotänzer sich drunter durch schlängeln, manchmal mit waghalsigen Kurven einen schmalen Durchlass erwischen, manchmal kann man in voller Fahrt auf das Hindernis rutschen und mit der Hände Arbeit darüber robben. Es zeigt sich, dass die Paddel mit einer Leine gesichert werden sollten, was ich sonst nur alleine auf dem Meer oder einem großen Strom tue.

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Der Biber! Das fiese Nagetier.

Beim ersten ernsten Hindernis kommt der Sohn an die Grenzen seiner bescheidenen Erfahrung. Er muss erst lernen, dass man z.B. beim rückwärtspaddeln um gegen den Strom die Fahrt zu verzögern, das Heck in die richtige Richtung drehen muss. Dann driftet das Boot wie ein Dwarsläufer auf die gewünschte Seite. Um manövrieren zu können, muss ein Boot in Fahrt sein. Wenn es sich mit dem Strom bewegt, dreht man den Bug nach rechts, wenn man nach rechts will. Fährt man jedoch rückwärts (und steht dabei über Grund) muss man den Bug nach links drehen, um nach rechts zu fahren.

Die Kunst ist, die Kraft des Stromes für sich zu nutzen. Das ist besonders mit unseren langen, für den Geradeauslauf gebauten Knickspantern wichtig. So schlägt Söhnchen vor einem Biberbaum quer und kentert. An sich kein Drama auf der Drawa, aber das Wasser ist eisig. Wir lassen uns Zeit das Boot wieder am Ufer zu klarieren und zu lenzen. Ich habe trockene Sachen für ihn dabei. Ich merke, er ist gar nicht vom eisigen Wasser schockiert. Unsere gelegentlichen Sprünge in eisige Seen tun ihre Wirkung - er hat die Furcht vor kaltem Wasser verloren!

Schließlich geht es weiter im Großbereich Drawskos, wo hier und da Gebäude am Wasser stehen. Wir sind vor jeder der vielen Kurven gespannt, welches Hindernis uns erwartet. Schnell entdecke ich die "Karachomethode" und die "Limbomethode" - das Über- und Unterfahren leichter Hindernisse. Doch an der Elektrownia, dem Wasserkraftwerk, müssen wir umsetzen. Kein Problem.

Das ist eine der leichten Stellen

Nun folgt eine schöne Fahrt durch Bruch- und Laubwälder. Die Sumpfdotterblume blüht in fettem Gelb. Ich höre einen Pirol in den Baumwipfeln flöten. Ein Schwan in der Mauser flieht mangels Flugfähigkeit alle 50m ein Stück voraus bis ihm schwant, dass das nichts bringt. Meckernd steigt er aus dem Wasser. Und ich sehe einen schnellen mittelgroßen Vogel mit schmalen langen Flügeln über den Flusslauf kurven - ein Waldwasserläufer, den ich an seinem weißen Fleck auf dem Schwanz erkenne.

Der Sohn schimpft über den Biber. Ich helfe ihm über die Hindernisse zu kommen und entwickele folgende Technik. Ich lege am Hindernis an, sichere das Kajak durch heraufziehen oder festbinden, steige aufs Hindernis und helfe Söhnemann sein Kajak drüber zuschieben. Einmal stehe ich dabei frei auf einem Stamm als ich merke, dass dieser komplett schwimmt. Er hat sicher 80cm Durchmesser und ich laufe sicher auf ihm hin- und her ohne dass er sich dreht. Ein Heidenspaß.

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Herrliche Bruchwälder mit Weiden, Erlen, Sumpfdotterblume und besonderen Vögeln

Jetzt wird es dunkler, was auch daran liegt, dass wir in einem schattigen Tal unterwegs sind. Doch langsam dämmert mir, warum Grzeszek meinte, die Tour dauere 5 Stunden bis zum Lubie. Ich habe mich verschätzt und beschließe sie vorzeitig abzubrechen, auch weil es kalt wird und Frost angekündigt ist. Plan B. An der ersten Brücke der Straße zwischen Mielenko Drawskie und Gudowo ziehen wir die Kajaks mühsam das steile matschige Ufer hoch. Hier hindert uns ohnehin ein hässliches Gestrüpp auf dem Fluss und wir tragen die Boote 40m durch die jungen Brennnesseln zur Straße.

Mist. Kein Handyempfang. Und die Sonne geht gleich unter! Es hat keinen Sinn eine SMS abzusetzen. Bis sicher ist, dass diese abgesetzt wurde, könnte das letzte Licht schwinden und für einen ungewissen Aufenthalt in Dunkelheit, Einsamkeit und Ungewissheit sind wir bekleidungsmäßig nicht ausgerüstet. Also entscheide ich, dass wir weiterfahren müssen, um das Restlicht für die letzte Strecke bis zum See nutzen zu können. In der Dunkelheit hätten wir kaum eine Chance auf der Drawa, obwohl ich eine Lampe dabei habe.

Im Bruchwald

Wir legen Schwimmwesten an, denn bald müsste der große See kommen. Sie wärmen außerdem etwas. Eine Holztafel verriet mir dass es noch einige Kilometer sind. Sportlich - wir dürfen keine Zeit verlieren. Die Drawa mäandert immer wilder durch ein großes, schilfbestandenes Tal, sodass ich das Gefühl habe, wir kämen in Luftlinie kaum voran. Zum Glück sind die Biberhindernisse beherrschbar. Söhnchen schimpft zwar noch eine Weile vor sich hin, doch er mobilisiert letzte Kräfte und hält tapfer durch!

Die Sonne ist längst untergegangen, da wird die Drawa breiter, das Schilf wird dichter und die Fließgeschwindigkeit nimmt ab - Hurra, wir haben den See erreicht! Jetzt haben wir den hellen Mond in der heraufkommenden Nacht über dem See. Es ist eine wunderschöne Szene. Wir scheuchen eine Gruppe Silberreiher in 200m Entfernung auf. Sie steigen in engen Kreisen immer höher bis sie die steilen Hügel am südlichen Seeufer überwinden.

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Das Bild habe ich gefaked. Aber es triffts gut.

Nach dem kleinen Fortsatz des großen Sees, in den die Drawa mündet, kommen wir um eine Landspitze herum und sehen in vielleicht 2 km schon Gudowo. Ich höre die Rohrdommel hupen und gleite durch das stille Wasser. Der Wind hat völlig nachgelassen und es ist wunderschön. Schließlich landen wir an der geplanten Stelle auf dem Strand. Als wir die Kajaks geborgen haben ist es bereits dunkel und unser Bus kommt.

Dieser Art sind die kleinen Abenteuer, an die ich mich erinnern möchte, wenn die Knochen eines Tages nicht mehr wollen und ich mit einer Decke über den Knie am Kaminfeuer sitze und mich erinnere.

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