Atomek
Jan Schirrmachers Web
Mein Opa
um 1918

Die Hamburger Terracotta-Armee

Opa

Mein Opa lebte von 1900 bis 1960. Er wurde in Deutsch-Eylau/Westpreußen (poln. Iława) geboren, studierte an der königlich preußischen Technischen Hochschule Danzig und wurde Architekt. Mit meiner Oma1, die aus Mecklenburg stammte, zog er nach Hamburg-Barmbek. Sie hatten 3 Söhne und er hatte wärend der Dreißiger Jahre beruflichen Erfolg, weil im Land viel gebaut wurde und Architekten einen guten Stand hatten wenn sie sich mit dem System gut stellten.

Meine Oma erzählte, dass er sich von der Kriegsgefangenschaft in Russland nie richtig erholt hatte und so starb er relativ früh und ich habe ihn nicht mehr kennengelernt.

Opas Auto
Im Dienstwagen, einem Opel Kapitän '39, der fuhr über 120

Im Krieg war er in der Organisation Todt beschäftigt und baute Kasernen. Ich vermute, dass er auch Gefangenenlager baute. Ein kleines Licht kann er nicht gewesen sein, denn er brachte es bis zum Major.

Seine Liebe zum Führer war nicht grenzenlos, als er verhinderte, dass sein Auto vom Militär beschlagnahmt wurde, indem er die Räder versteckte. Ich meine er hätte sich lieber selber verstecken sollen, aber das ist heute natürlich leicht gesagt.

Soldat
Mein Onkel2 neben einem Offizier

Eines Tages beschloß der Kommandant seiner Kaserne - es könnte die in Hamburg-Rahlstedt gewesen sein - diese zu verschönern. So beauftragte er einen Künstler passende Heldenbilder aus Ton zu fertigen. Ich nehme an der Kommandant war erstens schwer beschäftigt und lebte zweitens in der Annahme, die Bildhauerei sei entsprechend den Vorlieben des Führers gleichgeschaltet und erwartete etwas im Stile Arno Brekers oder so. Vielleicht steckte mein Opa hinter der Planung, schließlich war er für die baulichen Dinge zuständig.

So ließ der Kommandant dem Künstler die künstlerische Freiheit. Das Ergebnis entprach jedoch nicht den Erwartungen und die "Heldenbilder" wurden nicht aufgestellt. Schaut sie euch an und ihr wisst warum.

Es lief darauf hinaus, das mein Opa die Soldaten - es mögen 10 Stück gewesen sein - mit nach Hause nahm und um seine Gartenlaube herum aufstellte. Ich erinnere mich sie als Kind in unserem Garten noch gesehen zu haben. Sie hatten eine dunkel-rötlich braune Farbe.

Laube
In der Gartenlaube, beschützt von einer Abteilung
kleiner dicker Wehrmachtssoldaten

Irgendwann im Rahmen einer falsch verstandenen Entnazifizierung kündigte meine Oma den Soldaten ihre Stellung und sie verschwanden. Es war damals üblich Sperrmüll im Garten zu vergraben und so wird man vielleicht in 2000 Jahren die "Terracotta-Armee von Hamburg" wiederentdecken und die Zeit des Nationalsozialismus neu überdenken.

Wie ist der Künstler auf diese Idee gekommen? Es muss wärend der Nazi-Zeit gewesen sein, denn unser Haus wurde 1934 gebaut. Zu dieser Zeit hat niemand öffentlich Witze über das Militär gemacht. Es ist ein Mittel der Satire die Mächtigen durch Karikaturen menschlich zu machen. Das lag sicher nicht in der Absicht der Auftraggeber. Was hatte sich der Künstler dabei gedacht? Wie war mein Opa drauf, sich diese Figuren zu Hause aufzustellen? Hier ist Raum für den Historiker...

Armee
Quelle: wikipedia

Das Komische an der Geschichte der Tonsoldaten wird durch den Vergleich mit der chinesischen Terracotta-Armee deutlich. Dort hat sich der Kaiser eines einst mächtigen Reiches dieses unglaubliche Denkmal der Macht und Unvergänglichkeit geschaffen.

Dagegen sieht es beim Versuch jenes Kasernenkommandanten sich ein ähnliches Denkmal zu schaffen aus, als hätte er sich von Charlie Chaplin beraten lassen. Oder von meinem Opa.

1) Sie war damals noch nicht Oma
2) Mein Onkel hat nicht wirklich so große Hände, er sitzt auf dem Schoß